Jesper Juul – Nein aus Liebe: Klare Eltern – starke Kinder

Ein Büchlein, dass man schnell gelesen hat ist Nein aus Liebe von Jesper Juul. Mit seinen schlanken 120 Seiten hatte ich es an einem Tag auf dem Hin- und Rückweg in der Bahn gelesen. Und doch steckt in dem Buch so viel drin, so viel, dass ich jetzt kaum aufhören kann „Aha“ zu sagen.

„Nein!“ zu Kindern zu sagen fällt dem einen schwer, dem anderen besonders leicht. Viele Eltern finden es wichtig, dass die Kinder auf ein strenges „Nein!“ auch hören. Und dann gibt es wiederum die Eltern, die nie nein sagen können, obwohl sie das eigentlich wollen.

Dieses Buch hilft zu erkennen, wie man „Nein!“ sagen kann, ohne den anderen (und das muss nicht unbedingt das Kind sein) zu verletzen oder seine Integrität zu verletzen. Es hilft zu verstehen warum Kinder „Nein!“ sagen und wie sie es oft sagen. Und es hilft auch zu unterscheiden, wann man wirklich „Nein!“ sagen kann und wann man es vielleicht lieber lassen sollte. Ganz wichtig auch, ohne ein ehrliches und echtes „Nein!“ kann es auch kein ehrliches und echtes „Ja!“ geben.

Das Buch ermutigt Eltern dazu, trotz aller Beziehung und trotz allem horchen auf die Bedürfnisse des Kindes auch die eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen und hinten anzustellen. Es zeigt, dass man durchaus sagen kann, was man mag und was nicht und auch dem Kind sehr deutlich machen, dass man etwas von ihm erwartet. Und das alles ohne den berühmten erhobenen Zeigefinger.

Für mich aber am allerwichtigsten in diesem Buch: Der kurze Abschnitt zum autonomen Kind. Den Begriff hatte ich zwar vorher schonmal gehört, mich aber noch nie damit auseinander gesetzt. Doch der Abschnitt war ein Augenöffner, denn ich scheine genau so ein Kind hier daheim zu haben. Und seitdem denke ich, achso, deswegen ist sie so. Jetzt verstehe ich so vieles besser. Wunderbar.

Ich mag Jesper Juul, wie wahrscheinlich sehr viele Eltern. Seine Bücher sind flüssig und einfach zu lesen und geben so viele Denkanstöße ohne aufzuzeigen, was man bisher alles vielleicht falsch gemacht haben könnte.

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Katharina Saalfrank – Du bist ok, so wie du bist

Ich hatte mich im Zuge meiner artgerecht-Ausbildung auch mit einigen Autoren auseinandergesetzt, die „Erziehungsratgeber“ geschrieben haben, obwohl es in all diesen Büchern um Beziehung statt Erziehung geht. An Katharina Saalfrank kommt man in diesem Kontext nicht vorbei und ich finde es einen sehr positiven Schritt, den sie gegangen ist. Weg von der streng schauenden Super-Nanny, hin zu einer lächelnden Person. Du bist ok, so wie du bist ist ihr erstes Buch in diese Richtung und in diesem schreibt sie vom Ende der Erziehung bzw. von Beziehung statt Erziehung.

Leider bringt das Buch nicht viel neues, zumindest nicht, wenn man vorher schon andere Bücher dieser Art gelesen hat. Bei einigen Passagen habe ich mich auch gefragt, ob sie sich nichts „neues“ hätte ausdenken können, hatte ich doch kurz vorher Dein kompetentes Kind von Jesper Juul gelesen. Ein Buch, dass mich tatsächlich begeistert hat. Leider (oder zum Glück, wie man es sehen mag) hat Katharina Saalfrank dieses Buch auch gelesen und ich hatte das Gefühl, dass sie sich sehr stark an ihm orientiert hat. Das ist ja grundsätzlich nicht schlimm, aber es war mir persönlich einfach zu ähnlich.

Nicht destotrotz ist es ein Buch, dass viele wichtige Themen anspricht. Katharina Saalfrank erklärt erst einmal wo wir stehen, warum Erziehung heute so ist wie sie ist und genau das hilft zu reflektieren. Es erklärt vielleicht auch, warum unsere Eltern so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. Oder warum unsere Großeltern unsere Eltern doch noch sehr streng erzogen haben. Nach diesen einleitenden Worten schlägt sie den Bogen, weg von Erziehung hin zu Beziehung. Sie macht den Eltern Mut, ihre Kinder so zu nehmen wie sie sind und das ist sehr wichtig. Wie viele verunsicherte Mütter begegnen einem immer wieder, weil sie denken ihr Kind sei in irgendeiner Weise „falsch“ oder schlecht erzogen.

Im einem der letzten Abschnitte des Buches setzt sie sich mit dem Phänomen ADHS auseinander und fordert auf, diese Diagnose nicht vorschnell zu stellen. Hier bin ich ganz bei ihr, ist es doch so einfach für Eltern und das Umfeld zu sagen, das Kind hat ADHS und dieses Verhalten medikamentös zu behandeln. Leider wird auch heute noch viel zu wenig geschaut, was hinter dem Verhalten steckt. Hierzu hat sie auch ein sehr interessantes Interview mit Professor Dr. Gerald Hüther geführt.

Im letzten Abschnitt schreibt sie über die Schule und das Lernen. Wie kann ein besseres Lernumfeld für Kinder aussehen? Ein aus meiner Sicht interessantes Thema mit dem ich mich bisher kaum auseinandergesetzt hatte. Die Idee von offenen Lernräumen gefällt mir aber und wäre mir als Kind sehr entgegen gekommen.

Alles in allem ist dies eher ein Einstiegsbuch für alle, die Alfie Kohn oder Jesper Juul zu „schwierig“ finden. Hat man die beiden gelesen, liest man nicht viel neues und ist vielleicht wie ich streckenweise auch sehr enttäuscht.

 

Jean Liedloff – Au der Suche nach dem verlorenen Glück

Ich weiß nicht, ob ich vorher schon ein Buch gelesen habe, dass mich so oft hat nicken lassen, weil ich die dort beschriebenen Aussagen zu 100% teile wie Auf der Suche nach dem verlorenen Glück von Jean Liedloff.  Der Untertitel „Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit“ beschreibt vielleicht sogar noch viel besser um was es in diesem Buch geht.

Jean Liedloff lebte selbst einige Jahre bei den Yequana-Indianern und erkannte sehr schnell, dass ihr glückliches Leben im Umgang mit ihren Kindern begründet liegt. Sie zeigt in ihrem Buch auf, dass die Yequana auf die natürlichen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen, etwas was wir in der westlichen Welt völlig verlernt haben.

Liedloff entwickelte das Kontinuum-Konzept, nachdem kleine Kinder und Babys eigentlich nicht viel brauchen um sich zu gesunden und glücklichen Erwachsenen zu entwickeln. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist der ständige Körperkontakt des Kindes zu seiner Bezugsperson bzw. zu seinen Bezugspersonen. Die Yequana tragen ihre Kinder fast dauerhaft am Körper, sie stillen nach Bedarf und sie schlafen mit den Kindern in einem Bett. Das ist in der westlichen Welt, und zum Erscheinungsdatum des Buches noch mehr, etwas was völlig verloren gegangen ist. Eigentlich wünschen sich fast alle Eltern ein ruhiges Baby, dass man in Kinderwagen, Laufstall oder Bett ablegen kann und das nach festen Zeiten fest vorgegebene Protionen Milch trinkt. Auch das ist etwas überspitzt, aber leider doch noch immer die Erwartung vieler Menschen. Hierzu schreibt Liedloff:

Babies sind in der Tat zu einer Art Feind geworden, den die Mutter besiegen muss.

Jeder, der seine Kinder auch nur ein wenig bedürfnisorientiert wachsen lassen möchte, sollte dieses Buch lesen. Einfach zu lesen ist es nicht, denn es ist in der Tat Fachliteratur und so habe ich mich an manchen Stellen etwas schwer getan (Morgens um sechs Uhr in der Bahn…). Aber es ist auch ein Buch, dass einem so viel gibt und das Mut macht, dass der Weg, den ich gehe, genau der ist, der meine Tochter glücklich machen wird. Und um allen Gegnern, die meinen dass die Kinder verwöhnt werden, den Wind aus den Segeln zu  nehmen, folgendes Zitat:

Überbeschützt und geschwächt ist ein Kind, dem ständig von einer übereifrigen Mutter die Initative entrissen wurde; nicht aber das Kind, das in den ersten wichtigen Monaten, als es dies brauchte, auf Armen getragen worden ist.

Jesper Juul – Dein kompetentes Kind

Jesper Juul ist einer der Autoren, die man lesen „muss“, wenn man mit seinen Kindern bedürfnisorientiert leben möchte. Natürlich ist es keine Pflichtlektüre, aber in jedem Fall regen seine Bücher zum Nachdenken an und geben sehr viele sehr gute Beispiele, in welchen man sich mit Sicherheit immer wieder finden kann.

In Dein Kompetentes Kind zeigt Jesper Juul auf, dass Kinder nicht die sind, für die sie lange gehalten wurden. Unfertige Wesen, die erst noch geformt werden müssen und die, kaum in der Pubertät, rebellieren und enge Grenzen benötigen. Er räumt auf mit den Vorurteilen, dass Kinder nicht kooperieren und überhaupt immer gegen alles sind was die Eltern sagen.

Nach einer Einleitung geht er auf die Art ein, wie Kinder und auch Babys mit den Eltern kooperieren und wie sich diese Kooperation zeigen kann. Hierbei verwendet er viele Beispiele, die helfen die Theorie zu verstehen. Oft erkennen wir Eltern gar nicht, dass das Kind gerade kooperiert, denn kooperieren kann durchaus auch bedeuten, dass Kinder scheinbar gegen uns arbeiten. Aber genau hier ist es wichtig zu hinterfragen und genau hinzuschauen. Warum weint ein kleines Kind, wenn es in der Krippe oder bei der Tagesmutter abgegeben werden soll, obwohl doch alles so schön ist. Und warum tut es das nur bei der Mutter und nicht beim Vater? Will es der Mutter die Trennung noch schwerer machen? Hier lohnt es sich genau hinzuschauen und auch als Mutter (oder auch Vater) noch einmal zu hinterfragen, wie man selbst dieser Sache gegenüber steht. Kooperiert mein Kind hier nicht wunderbar, weil es merkt, dass es für mich nicht die perfekte Situation ist?

In einem nächsten Abschnitt spricht Jesper Juul über Selbstgefühl und Seblstvertrauen. Er gibt sehr viele Beispiele, wie das Sebstvertrauen und auch das Selbstgefühl des Kindes zerstört werden kann. Diese Beispiele regen zum Nachdenken an, muss ich mein Kind wirklich immer loben? Wie wird das Lob verstanden und tut das Kind vielleicht irgendwann nur noch bestimmte Dinge um mir zu gefallen und nicht mehr weil es Spaß an der Sache hat? Und wie ist mit den vielen Warnungen, die wir immer wieder ausstoßen? Was macht das mit den Kindern? Das tolle hier ist, dass Jesper Juul Alternativen aufzeigt. So steht man nach diesem Kapitel nicht mit einem Fragezeichen im Gesicht da, sondern kann sich sehr konkret überlegen wie man einige Dinge anders formulieren und handhaben möchte.

Jesper Juul weißt aber immer wieder darauf hin, dass es wichtig ist, auch auf sich selbst zu achten und so ist es nicht nur wichtig das Selbstgefühl und das Selbstvertrauen der eigenen Kinder nicht zu zerstören (man muss es gar nicht unbedingt stärken), sondern das eigene Selbstgefühl neu zu entdecken und aufzubauen und das evtl. zerstörte eigene Selbstvertrauen wieder aufzubauen.

Vielleicht eines der wichtigsten Kapitel beschäftigt sich mit Verantwortung und Macht. Viele Eltern missbrauchen meiner Meinung nach immer noch ihre Machtposition. Sie setzen Dinge durch, die völlig albern sind, wenn man sich überlegt, man würde genau dies gegenüber einer erwachsenen Person durchsetzen. Natürlich brauchen Kinder aber in manchen Situationen ihre Eltern und manchmal ist es wichtig für die Gesundheit und das Wohlergehen des Kindes, dass die Eltern sich durchsetzen. Und es ist genauso wichtig, dass man das Weglassen von Machtausübung nicht mit dem Weglassen der Übernahme der Verantwortung verwechselt.

Für viele Eltern sind heute immer noch die Grenzen eines der zentralen Themen. Man darf sein Kind nicht verwöhnen, man muss Grenzen setzen. Doch muss man das wirklich und wenn ja welche Grenzen sind durchaus sinnvoll? Wichtig ist vor allem, dass man sich als Mensch nicht aufgibt, wenn man Eltern geworden ist. Man sollte schauen wo die eigenen Grenzen sind und welche Bedürfnisse man hat. Diese durchzusetzen ist überhaupt nicht verkehrt und auch hier gibt Jesper Juul in einem eigenen Kapitel sehr viele gute Hinweise und Ratschläge und untermalt alles mit sehr vielen Beispielen.

Für mich noch sehr entfernt, aber sicherlich trotzdem ein wichtiges Kapitel, ist das Kapitel über den Umgang mit dem Teenageralter der Kinder. Plötzlich verändern die Kinder sich, werden unabhängiger und auch verschlossener. Hier müssen Eltern und Kinder neue Wege finden und genau dazu gibt Jesper Juul Anregungen.

Im Abschluss schreibt Jesper Juul über die Eltern als Menschen und wie wichtig es ist nicht nur Eltern, sondern auch weiterhin Partner und Liebende zu sein. Dieser kurze Abschnitt hat mich in jedem Fall auf sein neuestes Buch Liebende bleiben neugierig gemacht.

Für mich war dieses Buch vielleicht kein Augenöffner, denn wir leben schon sehr viel von dem, was Jesper Juul dort beschreibt. Aber es hat mich bestärkt und untermauert mein intuitives Vorgehen. Es ist auf jeden Fall ein Buch, dass ich nicht nur den bindungs- und bedürfnisorientiert lebenden Eltern ans Herz legen möchte. Denn es ist ein Buch, dass uns hilft zu verstehen, warum unsere Kinder manchmal in unseren Augen so schwierig sind und zeigt auf, dass sie das doch gar nicht sein wollen.

Paula Diederichs – Unser Baby schreit so viel!

IMG_6119Um die Zeit mit unserem kleinen Brülläffchen etwas aufzuarbeiten und auf der Suche nach einem guten Buch für Betroffene bin ich auf Unser Baby schreit so viel! von Paula Diederichs gestoßen. Paula Diederichs hatte selbst eine Tochter, die ein Schreibaby war und ihr so den Weg gewiesen hat. Heute ist sie Expertin für den Umgang mit Schreibabys und leitet drei Schreibaby-Ambulanzen in Berlin. Sie hat eine spezielle Krisenintervention für Eltern und Kind entwickelt, deren Effizienz wissenschaftlich belegt ist. Wenn ich mich richtig erinnere, arbeitete unsere nette Hilfe des Kreises auch nach dieser Methode.

Ihr Buch beginnt Paula Diederichs mit mutmachenden Worten an die Eltern und im speziellen an die Mutter. Sie ermuntert die Eltern dazu Hilfe anzunehmen und zu suchen. Sie betont immer wieder, dass nicht die Eltern etwas verkehrt machen, sondern eher unsere Gesellschaft, die von den Eltern erwartet, dass sie stark sind und funktionieren. Sie zeigt auf, wie man mit gutgemeinten Ratschlägen und den ständigen Besserwissern umgehen kann.

In einem weiteren Abschnitt schreibt sie über das Hilfesystem und wie dieses auch versagen kann. Sie zeigt auf wo betroffene Eltern Hilfe bekommen können und dass es ganz normal ist, dass man manchmal einfach nicht mehr kann, aggressiv oder gereizt ist und das genau hierfür geschulte Helfer zur Verfügung stehen.

Des weiteren schreibt sie über den Babyschlaf, die verschiedenen Schlafphasen und dass Babys anders schlafen. Außerdem geht sie auf den Unterschied von Weinen und Schreien ein, für mich ein ganz wichtiger Punkt, den ich auch immer anspreche, wenn ich auf das Thema Schreibaby angesprochen werde. Natürlich schreien alle Babys, aber ein Schreibaby schreit in einer ganz anderen Qualität als das normale Durchschnittsbaby.

Paula Diederichs versucht Gründe aufzuzeigen, die das Schreien verursacht haben können. Hierbei kann es sich um eine belastende Schwangerschaft oder eine traumatische Geburt handeln, aber auch um Koliken oder Blokaden. Das ist von Kind zu Kind verschieden und sicherlich kann man niemals pauschal sagen, dass ein Kind aus genau diesem einen Grund schreit. Ich war skeptisch diesem Kapitel gegenüber, aber am Ende versöhnt, denn man geht als Betroffene nicht mit Schuldgefühlen heraus.

Immer wieder ermuntert Paula Diederichs die Eltern dazu an sich zu denken, sich Entspannungstechniken anzueignen und nach Möglichkeiten zu suchen sich auch einmal vom Kind zu trennen und wieder ein paar ruhige Minuten für sich zu haben. Immer wieder betont sie, dass dies wichtig und normal ist und keinesfalls zeigt, dass die Eltern versagt haben.

Im Anhang ist an Bildern Schritt für Schritt erklärt, wie man eine Babymassage durchführen kann. Diese kann beim Baby für etwas Entspannung sorgen, denn das Schreien ist eine sehr anstrengende Sache und beansprucht die Muskeln sehr.

Alles in allem ist es ein sehr gutes Buch, dass Mut macht und ganz auf der Seite der betroffenen Eltern steht. Es ist auf jeden Fall ein Buch, dass ich betroffenen Eltern ans Herz legen kann, denn hier werden die Bedürfnisse aller berücksichtigt. Denn auch einem Schreibaby helfen entspannte Eltern sehr.

Alfie Kohn – Liebe und Eigenständigkeit

IMG_6107Liebe und Eigenständigkeit von Alfie Kohn wird gerne als das Einstiegswerk genannt, wenn es um bedingungslose Elternschaft geht. Und deswegen habe ich nun auch mit diesem Buch angefangen. Ganz wichtig bei der Einordnung aller Dinge, über die Alfie Kohn schreibt, ist sicherlich folgender Satz, den er selbst im Anhang schreibt:

Der Inhalt dieses Buches ist zwangsläufig davon beeinflusst, dass ich ein weißer Amerikaner aus der Mittelschicht bin.

Und genau in diesem Kontext sollte man dieses Buch auch lesen und sich immer wieder vor Augen führen, dass Amerikaner viel mehr loben und viel freundlicher, man könnte fast sagen künstlich überfreundlich, im Umgang miteinander sind.

In seinem Buch möchte Alfie Kohn Eltern dazu ermutigen aus den alten und sehr weit verbreiteten Erziehungsmustern auszubrechen. Er spricht über die Liebe, die Eltern ihreren Kindern geben dürfen, ohne sie an Bedingungen zu knüpfen. Dabei gibt er viele Beispiele, wie das gelingen kann und zeigt auch aus seinem Alltag auf, wo er vielleicht heute noch versagt oder was seine Kinder ihn gelehrt haben.

Ein Kernthema des Buches ist die Art der Erziehung und der Umgang mit vermeintlichem Fehlverhalten des Kindes. Viele Erwachsene glauben, dass es wirkungsvoll ist möglichst streng und unliebevoll mit dem Kind umzugehen, dass einen Fehler gemacht hat. Sie sagen dem Kind, dass sie es weniger mögen, weil es etwas getan hat oder sie schicken es weg. Sie verhängen Strafen und unterdrücken die Kinder. Natürlich nicht alle und natürlich nicht alle in dem Maße. Doch trotzdem ist das weit verbreitet. „Wenn du jetzt nicht [beliebige Tätigkeit einsetzen] machst, dann darfst du nachher kein Fernsehn schauen.“ ist ein Satz, den viele Eltern nutzen. Alfie Kohn zeigt auf, wie es anders gehen kann, wie wir miteinander umgehen können und auch ausdrücken können, dass uns etwas missfällt oder wir es überhaupt nicht mögen, ohne gleich zwei Fronten aufzubauen, den anderen zu beleidigen oder ihm mit Liebesentzug zu drohen.

Alfie Kohn spricht auch viel über das Lob und was es mit Kindern macht, wenn sie immer und immer wieder für eine Sache gelobt werden. „Das hast du schön gemalt“ zum Beispiel, er hinterfragt, ob man sowas sagen muss und erklärt, dass Kinder ein gewisses Verhalten nur noch zeigen, weil sie ein Lob bekommen und somit die Anerkennung und Aufmerksamkeit des Erwachsenen. Um bei dem Malbeispiel zu bleiben, das Kind malt vielleicht irgendwann nicht mehr unbedingt nur noch, weil es gerne malt, sondern weil es weiß, dass seine Eltern das gut finden. Dabei gibt es andere Wege damit umzugehen. Und nein, Lob ist nicht verkehrt oder verboten und ein Lob verbunden mit ehrlicher Freude, weil ein Kind etwas geschafft hat, dass es vorher nicht geschafft hat ist toll.

Im weiteren Verlauf des Buches zeigt Alfie Kohn die Grundsätze bedingungsloser Elternliebe auf, ohne dabei eine genaue Schritt-für-Schritt Anleitung zu geben. Er regt die Eltern zum Nachdenken an und gibt ihnen einen Leitfaden, an dem sie sich entlanghangeln können.

Immer wieder plädiert er dafür die Kinder anzuhören, innezuhalten und zu fragen, was das Kind möchte, warum es sich gerade so verhält wie es sich verhält und die Meinung des Kindes ernst zu nehmen. Denn genau dann entsteht eine Beziehung auf Augenhöhe in der jeder das sein kann was er ist, Eltern oder Kind. Eine Beziehung ohne Erwartungen, ohne Druck und ohne Bestrafungen, aber dafür mit ganz viel Liebe.

Vieles aus dem Buch war für mich nicht neu, denn ich bin in großen Teilen genau so aufgewachsen und lebe mit meiner Tochter ebenso. Trotzdem war es nicht schlecht noch einmal über all das zu lesen und es zu verinnerlichen. Und es tat gut sich bestätigt zu fühlen, dass der Weg den ich gehe und auch der Weg den alle meine Eltern gegangen sind, ein Weg ist der am Ende liebende und zufriedene Menschen hervorbringt.

Nicola Schmidt – artgerecht

Endlich, endlich, endlich habe ich es auch gelesen, Nicola Schmidts artgerecht – Das andere Babybuch. Der Untertitel (natürliche Bedürfnisse stillen, gesunde Entwicklung fördern, naturnah erziehen) sagt eigentlich schon alles über das Buch aus. Eine echte Grundlage für alle Eltern, aber vor allem für die, die krampfhaft versuchen ihr Steinzeitbaby in eine von der Uhr vorgegebene Tagesschablone zu pressen.

Nicola Schmidt zeigt in ihrem Buch, dass unsere Babys echte Steinzeitbabys sind, wenn sie auf die Welt kommen. Sie versucht uns zu erklären, wie wir unsere Babys verstehen können und wie sie ticken, denn unsere Babys wissen noch nicht, dass es eine Uhr gibt, dass wie die Haustür abschließen können und sicher sind, oder dass es auch bei fremden Menschen gut und sicher sein kann.

Besonders wichtig bei der artgerechten Erziehung, wie Nicola Schmidt sie propagiert, ist der Clan oder das Dorf. Bindungsorientierte Erziehung ist eine super Sache, nur leider nicht immer gut für die Eltern, wenn sie ganz alleine mit ihrem Kind sind. Gerade Mütter neigen dazu sich aufzuopfern und geben sich in den ersten Jahren komplett auf. Das ist weder für das Baby noch für die Eltern gut und richtig. Nicola Schmidt ermutigt die Eltern dazu Kontakte zu anderen Eltern aufzubauen und zu schauen, wer ähnliche Interessen und Erziehungsansätze hat. Oder eben auch die Großeltern, Nachbarn oder Freunde mit einzubeziehen. Keine Angst zu haben um Hilfe zu bitten und das Kind ermutigen eine gute Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen.

Gegliedert ist das Buch dabei in einzelne Abschnitte, die sich mit den wichtigsten Themen beschäftigen. Es beginnt mit einem Kapitel über eine artgerechte Schwangerschaft, in welcher wir nicht eine rundum Betreuung durch Ärzte und Krankenhäuser brauchen, sondern Ruhe und Zeit und eine tolle Hebamme. Im nächsten Kapitel geht es um die artgerechte Geburt und das Ankommen in unserer Welt. Wo findet man den richtigen Ort für die Geburt, wer soll und darf dabei sein, wie kann man mit Schmerz umgehen, welche Rolle spielt der Vater und wie kann ein Kaiserschnitt artgerecht sein.

Ist das Kind da kommt sehr schnell die Frage nach der Ernährung, im Kapitel über artgerechte Ernährung schreibt Nicola Schmidt viel über das Stillen, dass ja bekanntlich das Beste für das Kind ist. Auch dieses Buch ermutigt nicht aufzugeben, wenn es von Anfang an nicht klappen mag.

Besonders wichtig finde ich die nächsten beiden Kapitel, in denen es um den artgerechten Schlaf und das Tragen geht. Denn das beieinander schlafen und das Tragen sind in unserer Gesellschaft leider immer noch viel zu sehr verpönt. Viele behaupten, dass die Kinder so nur verwöhnt werden, niemals im eigenen Bett schlafen können werden und auch nie laufen lernen. Das ist völliger Quatsch und genau mit diesen Vorurteilen wird in den beiden Kapiteln aufgeräumt. Es ist so unglaublich wichtig für das kleine Menschenkind, dass es Mama und Papa ganz nah bei sich hat und spürt, dass gerade diese beiden immer für es da sind. Das ist kein verwöhnen, dass ist lediglich das Stillen von Bedürfnissen. Und wie heißt es am Ende des Buchs so schön:

Gestillte Bedürfnisse verschwinden, unerfüllte Bedürfnisse tauchen ein Leben lang immer wieder auf.

In einem weiteren Kapitel schreibt Nicola Schmidt über artgerechte Sauberkeit. Sie erklärt wie windelfrei funktioniert und wie man für sich den besten Weg finden kann. Und ganz wichtig, es gibt hier nicht den einen richtigen Weg, jeder ist gut, solange es sich für Kind und Eltern gut anfühlt.

Im Kapitel über artgerechte Betreuung schreibt Nicola Schmidt über die unterschiedlichen Betreuungsformen und wie gut sie für ein Kind sein können. Definitiv ein Kapitel, dass mich sehr zum Nachdenken angeregt hat, da wir auf die Betreuung in der Kita angewiesen sind. Betruungsplatzmangel macht es leider notwendig, dass man sein Kind ggf. in eine Situation bringt, die für alle nicht optimal ist. Aber auch hier zeigt das Buch, wie man damit umgehen kann und auch wir werden den Kitastart meistern.

In einem letzten Kapitel geht es um artgerechtes Leben und vor allem darum, dass wir aufhören sollen unsere Kinder als „schwierig“ einzustufen, wenn sie mehr brauchen als wir manchmal geben können. Denn dass Kinder manchmal viel fordern ist ganz normal, sicherte es doch in der Steinzeit oder auch heute noch bei den Naturvölkern ihr überleben.

Ich bin, das muss ich zugeben, ein Fan der artgerecht Bewegung und habe dieses Buch deswegen sehr gerne gelesen, auch wenn mir viel schon bekannt war und wir sehr viel auch jetzt schon so leben. artgerechter Umgang miteinander macht glücklich, das Buch hilft den richtigen Weg für die eigene Familie zu finden und gibt Ideen.

Und hier noch ein besonders schönes Zitat aus dem Buch, dass argumentiert warum es dieses Buch geben muss und das ich so unterschreiben kann:

Wir sind auf dem besten Weg, unseren Planeten zu zerstören. Das ist doof – es ist der einzige mit Schokolade. Ich denke: Es ist noch nicht zu spät. Aber wir brauchen starke und kreative Menschen. Und wir finden sie direkt in unseren Armen. Wenn unsere Kinder lernen, dass die Welt ein wunderbarer, freundlicher Ort ist, werden sie alles dafür tun, um sie zu schützen. Deshalb ist es Zeit für ein artgerecht-Babybuch. Es ist an der Zeit, etwas zu verändern: Schritt für Schritt, Baby für Baby. Die Blauwale können nicht nochmal 300 Jahre warten.

Julia Dibbern und Nicola Schmidt – Slow Family

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Ich habe das wundervollste Buch gelesen, dass dieses Jahr erschienen ist, zumindest aus meiner Sicht. Julia Dibbern und Nicola Schmidt schreiben in Slow Family – Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern von ihren Erfahrungen und Erlebnissen, die sie mit ihren Kindern gemacht haben. Sie haben ausprobiert und Dinge für gut befunden, sie haben sich mit Menschen umgeben, die ihnen gut getan haben und die ihnen uneingeschränkt geholfen haben. Sie haben das Tempo aus ihrem Leben und somit aus dem Leben ihrer Kinder genommen. Und sie sind glücklich damit. Dabei machen sie nicht alles gleich oder halten sich streng an irgendwelche Regeln oder Vorschriften. Sie geben keine Anweisungen, wie man sich zu verhalten haben muss oder bewerten das ein oder andere Lebensmodell.

Zu Beginn führen Julia und Nicola den Leser in das Thema ein, sie zeigen auf, was die Forschung bisher zustande gebracht hat und entwickeln ihre ganz eigene Familienbedürfnispyramide. Sie plaudern aus dem Nähkästchen und erzählen, wie ihr Weg hin zu einem artgerechten und entspannten Leben mit ihren Kindern war.

Im zweiten Teil des Buchs listen sie die sieben Zutaten auf, die aus ihrer Sicht zu einem einfachen und entspannten Leben mit Kindern dazu gehören und erklären auch, warum es gerade diese Zutaten braucht. Natürlich ist es kein Rezept, es gibt keine Garantie, dass das für jeden Menschen so funktioniert. Aber es ist eine Idee und ein Rahmen, den man ganz für sich ausfüllen kann.

Im dritten Teil schreiben die beiden über das „Slow Village“, also die Gemeinschaft oder das Dorf das es braucht um Kinder großzuziehen. Es sind die einfachen Dinge, die in diesem Kapitel beschrieben werden. Zuerst fragt man sich, ob man darüber wirklich schreiben muss, doch dann kommt man tatsächlich ins Grübeln. Vieles ist für uns heute selbstverständlich, wir nehmen die Menschen um uns rum kaum noch wahr. Wann haben wir das letzte Mal angehalten und ganz bewusst einen Nachbarn oder Bekannten begrüßt und uns ehrlich nach seinem Befinden erkundigt? Wann haben wir das letzte Mal unseren Stolz überwunden und jemand anderen um Hilfe gebeten? Wann haben wir das letzte Mal entspannte Zeit mit Freunden verbracht? Diese und viele andere Fragen wirft dieses Kapitel auf. Und mich zumindest hat es zum Nachdenken angeregt.

In einem vierten Teil geht es um „Slow Nature“, es geht darum zurück zur Natur zu finden. Natur ist für viele Menschen heutzutage etwas gefährliches. Im Wald gibt es Zecken, die Sonne könnte zu stark sein, der Regen zu nass, der Winter zu kalt. Außerdem kann man sich draußen dreckig machen oder verletzen. Na und! Geht raus, geht in die Natur, genau das fordern Julia und Nicola und haben damit absolut recht. Ich war als Kind gerne und viel draußen, ich war das dreckigste Kind, dass nach Hause kam, aber ich habe es in schöner Erinnerung. Möchte ich, dass meine Tochter nur daheim sitzt oder noch schlimmer von einer Aktivität zur nächsten hetzt wenn sie alt genug ist? Eigentlich nicht. Viel lieber möchte ich mit ihr raus gehen, im Dreck wühlen, Kastanien sammeln, auf Bäume klettern, barfuß durch den Schnee laufen und so viel mehr. Es gibt kaum etwas auf das ich mich mehr freue.

Im fünften Teil geht es um das „Slow Family Life“. Wie bekomme ich in dieser hektischen Welt ein wenig mehr Entspannung und Ruhe in meinen Alltag. Das ist gar nicht so leicht und auch Julia und Nicola und ihre Familien sind da nicht perfekt. Aber sie haben ein paar Strategien entwickelt, die helfen nicht völlig gestresst durchs Leben zu gehen, dabei aber nicht alles auf die leichte Schulter zu nehmen. Es sind einfache Dinge, wie das frühzeitige losgehen. Sie raten aber auch, manchmal einfach die Dinge etwas lockerer zu sehen. Wie schlimm ist es, wenn das Kind mal einen Abend nicht die Zähne putzt, wir dafür aber keinen Machtkampf ausgefochten habe= Es schadet niemandem, im Gegenteil, die Situation ist danach eventuell nicht noch verfahrener.

In mir wirkt dieses Buch unheimlich nach. Es enthält keine Geheimnisse oder genaue Anleitungen, was ich in meinem Leben ändern muss, damit ich entspannt bin. Aber es enthält einen Haufen Ideen, die in meinem Kopf herumwirbeln. Und es enthält sehr viele Berichte von Julia und Nicola und ihren Bekannten. Man erfährt, was sie alles probiert haben und auch woran sie kläglich gescheitert sind.

Es ist ein Buch, dass jeder Mensch lesen sollte, der sein Leben mit Kindern teilt. Es ist ein Buch, das wachrüttelt und den Menschen hoffentlich ein wenig die Augen öffnet. Die Welt ist nicht böse, gehen wir also raus und erleben sie.